"Wie die Verantwortlichen im Revier mit der Planungshoheit umgehen, wird großen Einfluss auf den Fortgang der Verwaltungsmodernisierung in Nordrhein-Westfalen haben!"
Wirtschaftsministerin Christa Thoben äußert sich zu Nokia, der Bedeutung mittelständischer Unternehmen und zur Frage, warum es kein Datum für einen eigenen Ruhrbezirk gibt.

   

Wirtschaftsmagazin Ruhr: Was bedeutet der Wegzug von Nokia für das Ruhrgebiet? Sind wir mit unserer Steuer- und Abgabenlast noch international wettbewerbsfähig?
Christa Thoben: Der zweite Teil der Frage ist schnell beantwortet: Wir müssen um den Teil besser sein, um den wir teurer sind. Dann sind wir wettbewerbsfähig, das beweisen rund 700.000 Unternehmen im Lande – Konzerne wie Mittelständler – Tag für Tag mit ihren Produkten, die sie weltweit erfolgreich absetzen. Die Aufgabe des Standorts Bochum durch Nokia ist zunächst einmal ein Affront gegenüber den eigenen Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern hier im Ruhrgebiet, die alles getan haben, um mit ihren Handys weltmarktfähig zu sein. Deshalb hat es noch vor Weihnachten Sonderschichten gegeben, deshalb sind der Mitarbeiterschaft für 2007 Bonuszahlungen angekündigt worden, kurz: Die Zahlen in Bochum stimmten. Wer vor diesem Hintergrund ohne nachvollziehbare Begründung einen Standort so aufgibt, wie es Nokia getan hat, muss sich nicht wundern, wenn sein Image innerhalb kürzester Zeit auf dem deutschen Markt vollständig ramponiert ist. Ich glaube, diese Botschaft ist inzwischen in Helsinki angekommen. Wir sind mittlerweile in sehr konzentrierten Gesprächen mit dem Unternehmen dabei, eine gute Perspektive für die „Nokianer“ in Bochum zu entwickeln.
Wirtschaftsmagazin Ruhr: Sie haben in Bochum gesagt, dass eine Konsequenz aus Ihrer Erfahrung mit Nokia ist, künftig verstärkt auf mittelständische Unternehmen zu setzen.
Thoben: Ja, es zeigt sich immer wieder, dass mittelständische Unternehmen, insbesondere Inhaber-geführte mittelständische Unternehmen, trotz des Wettbewerbsdrucks in dieser globalisierten Wirtschaft einen viel höheren Standortbezug haben und auch ein ganz anderes Verantwortungsgefühl gegenüber der Region und den oftmals langjährig im Unternehmen tätigen Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern demonstrieren. Sowohl die regionale Verankerung des Unternehmens als auch oftmals deren Fähigkeit, intelligente Produkte und Systemlösungen zu entwickeln und Nischen zu besetzen, haben in den Jahren der sich ständig weltweit verändernden Märkte gezeigt, dass damit zwar der Beschäftigungsabbau in der Großindustrie nicht abgefedert werden kann, jedoch dort vielfach zukunftsfähige, dauerhafte Ersatzarbeitsplätze entstanden sind.
Wirtschaftsmagazin Ruhr: Wie wird diese Politik praktisch aussehen?
Thoben: Innerhalb der Europäischen Union ist mit der Lissabon-Strategie die besondere Unterstützung von Gründung und Wachstum der mittelständischen Wirtschaft zum zentralen Mittelpunkt der europäischen Strukturpolitik geworden. Dies zeigt sich sowohl in den Zielen, ein gründungs- und wachstumsfreundliches Klima für Unternehmen durch optimierte Standort- und Rahmenbedingungen und Entbürokratisierung zu schaffen, als auch durch Neuausrichtung der Schwerpunkte in der Förderpolitik. Die Unterstützung von Existenzgründungen sowie der Entwicklung der mittelständischen Wirtschaft ist nicht mehr begrenzt auf die so genannten strukturschwachen Regionen; vielmehr wird den Unternehmen dort geholfen, wo dies zu ihrer Entwicklung erforderlich ist.
Dabei steht die Stärkung der landesweit bedeutsamen Cluster wie z. B. Energie, Medizintechnik, Gesundheitswirtschaft, Automotiv und Logistik im Vordergrund.
Im Rahmen des NRW-EU-Programms für die Ziel-2-Gebiete, 2007–2013, liegt der Schwerpunkt der Förderpolitik auf der Unterstützung von kleinen und mittleren Unternehmen. Angeboten werden dabei z. B. Finanzierungshilfen für Forschungs- und Entwicklungsmaßnahmen, innovative Finanzierungsinstrumente im Bereich der Fondsfinanzierung und der landesweiten Mittelstandsfinanzierung.
Wirtschaftsmagazin Ruhr: Die Revier-Städte haben sich erstmals gemeinsam mit einer Projektliste um Gelder aus der nächsten Ziel-2-Förderperiode beworben. Viele Projekte der Liste sind allerdings schon lange bekannt, wirklich neue, regionale Projekte sind nur wenige dabei. Reicht das an neuer Qualität der regionalen Zusammenarbeit?
Thoben: Die Metropolregion Ruhr birgt Chancen und Risiken zugleich. Einerseits setzt sich immer mehr durch, dass solche Regionen für Bürger und Unternehmen viel besser strukturiert sind als die großen Städte weltweit wie New York, Tokio oder Mexico-City, die schnell zum Moloch werden, unüberschaubar und erdrückend zugleich. Im Ruhrgebiet dagegen ist die Versorgung der Bürger und Unternehmen mit individueller Sicherheit, Infrastruktur, Kultur, Konsum usw. viel besser organisiert.
Andererseits setzt eine Metropolregion wie das Ruhrgebiet aber auch eine intensive Abstimmung und Zusammenarbeit der Kommunen voraus. In diesem Punkt hat man in den letzten Jahren große Fortschritte gemacht. Ich denke zum Beispiel an die Wirtschaftsförderung Metropole Ruhr, die in dieser Form vor zehn Jahren nicht denkbar war. Auch die Bereitschaft, nicht separate Projektlisten vorzulegen, ist zweifellos ein Fortschritt. Diese Geschlossenheit der Oberbürgermeister und Landräte des Ruhrgebiets begrüße ich sehr.
Wirtschaftsmagazin Ruhr: Wie beurteilen Sie die Qualität der Liste? Wie viele Projekte haben eine Chance gefördert zu werden? Was sind die Kriterien?
Thoben: Es ist im Grundsatz zunächst einmal sehr erfreulich, dass sich das Ruhrgebiet zu einem gemeinsamen Konzept zusammengefunden hat. Zu den Einzelprojekten gibt es aber noch Gesprächsbedarf, vor allem sollte das Konzept noch um Vorhaben zur Verbesserung der Wirtschaftsentwicklung ergänzt werden, diese Vorhaben können dann in die Wettbewerbe eingebracht werden. Zur Zeit scheint man sich noch zu sehr auf Projekte der Stadterneuerung zu konzentrieren. Das allein wird für eine zukunftssichere Entwicklung des Reviers nicht ausreichen. Zu einer wirklich funktionierenden regionalen Zusammenarbeit gehört auch, dass man sich gemeinsam auf Prioritäten, also vordringlich wichtiges, und auch auf weniger wichtiges einigt. Wir werden in nächster Zeit intensive Gespräche mit den
Revier-Verantwortlichen führen, um gute Vorhaben auch möglichst schnell zur Umsetzung zu verhelfen.
Wirtschaftsmagazin Ruhr: Das Land hat seine Gründerförderung umgestellt. Wie sind die ersten Erfahrungen mit den Startercentern?
Thoben: Die Erfahrungen sind sehr positiv. Vor wenigen Tagen haben wir in Bochum und Herne das 49. und 50. Startercenter NRW eröffnet. In den nächsten Monaten wird die Zahl der Startercenter NRW in allen Regionen des Landes auf 66 ansteigen. Für die Gründer bedeutet dies eine große Erleichterung. Denn in den Startercentern erhalten sie alles aus einer Hand: Erstinformationen, persönliche Beratung, Unterstützung beim Businessplan und Hilfe bei der Erstellung eines Finanzierungskonzepts. Besonders wertvoll ist, dass man in vielen Startercentern NRW bereits heute alle wesentlichen Gründungsformalitäten mit Hilfe eines Formularservers und mit Unterstützung der dortigen Mitarbeiter erledigen kann. Diesen neuen Service übernehmen in den nächs-ten Monaten alle Startercenter. Egal, ob man ein Handwerk, ein Ladengeschäft oder einen Hausmeister-Service gründen will: Jedes Startercenter ist für alle Gründerinnen und Gründer offen.
Eine externe Zertifizierung stellt zudem sicher, dass alle diese „One-Stop-Shops“ ihre Dienstleistungen in gleicher Qualität anbieten. Umgestellt haben wir auch die Meistergründungsprämie, inzwischen gibt es 7.500 Euro landeseinheitlich für jeden Meister, der sich selbständig machen will. Das hat zu einer unglaublichen Steigerung der Nachfrage geführt, übrigens auch im Ruhrgebiet. Genau 853 junge Meisterinnen und Meister haben NRW-weit in 2007 diese Existenzgründungshilfe des Landes beantragt. Das ist der höchste Wert seit fünf Jahren. Etwa 30 Prozent davon kamen aus dem Revier. Die Erfolgsgeschichte der Meistergründungsprämie bestätigt einmal mehr, dass damit eines der erfolgreichsten und aus Sicht des Steuerzahlers kostengünstigsten Existenzgründungsprogramme aller Zeiten geschaffen wurde.
Wirtschaftsmagazin Ruhr: Wie sind die Erfahrungen mit den Förderwettbewerben? Waren die Vorlaufzeiten bei den Förderwettbewerben nicht sehr kurz? Und wird sich da etwas ändern?
Thoben: Wir haben mit den Wettbewerben Neuland betreten. Nachdem mittlerweile 10 Wettbewerbe von 22 begonnen haben, lässt sich feststellen: Die Premiere ist gelungen, die Nachfrage nach den Wettbewerbsunterlagen boomt. Alle Akteure haben eine Vorbereitungszeit von drei Monaten pro Aufruf. Wenn man sich die Bewerberzahlen anschaut, scheint das ausreichend zu sein. Bei Chemie und Kunststoff waren es insgesamt 140 Projektskizzen, beim Ideen- und Konzeptwettbewerb zur Kultur- und Kreativwirtschaft gab es 117 Ideen, Projekte und Konzeptvorschläge, um nur einige Zahlen zu nennen. Sie dürfen nicht vergessen, dass die Clusterstrategie der Landesregierung, die die Grundlage für die meisten Wettbewerbe bildet, seit rund zwei Jahren bekannt ist. Sollte es dennoch bei dem einen oder anderen Wettbewerb Probleme geben, sind wir selbstverständlich lernfähig.
Wirtschaftsmagazin Ruhr: Politisch hat ein Wettbewerb zwischen den Parteien um ein stärkeres soziales Profil eingesetzt. Kommt dabei die Wirtschaftspolitik nicht zu kurz?
Thoben: Sozial ist, was Wachstum und Beschäftigung schafft. Davon profitieren Arbeitslose, die neue Beschäftigungschancen bekommen, davon profitieren aber auch jene, die Jobs haben, weil sie bei guter Konjunktur steigende Löhne und Gehälter erwarten dürfen. Mit anderen Worten: Eine Wirtschaftspolitik, die auf Wachstum und Beschäftigung setzt, ist die zwingende Voraussetzung für eine erfolgreiche Sozialpolitik. Beschäftigung und Wachstum ist nicht alles, aber ohne Wachstum und Beschäftigung ist alles nichts.
Wirtschaftsmagazin Ruhr: Sie sind im Kabinett auch für wichtige Teile der Neugliederung des Landes zuständig. Im Ruhrgebiet mehren sich die Sorgen, die Landesregierung rücke von ihrem Plan der Dreiteilung des Landes ab. Gibt es Gründe zur Sorge?
Thoben: Mich irritieren Menschen, die über den zweiten, dritten und vierten Schritt diskutieren, bevor der erste vollzogen ist. Die Landesregierung wird die Planungskompetenz für das Ruhrgebiet nach der Kommunalwahl im Jahr 2009 auf den RVR übertragen. Das ist ein historischer Schritt, der seit mehren Jahrzehnten gefordert und nun endlich umgesetzt wird. Ich denke, dass die Art und Weise, wie die Verantwortlichen im Revier mit der neu gewonnenen Planungshoheit umgehen, großen Einfluss auf den Fortgang der Verwaltungsmodernisierung in Nordrhein-Westfalen haben wird. Wir reden über Verwaltungsstrukturen, die zum Teil über 200 Jahre alt sind. Angesichts solcher Zeiträume ist man gut beraten, wenn man Modernisierungsschritte sorgfältig und in stetigem Dialog mit den Betroffenen vorbereitet und dann auch umsetzt.
Die Fragen stellte Stefan Laurin.